Pandemische Gedanken zu Ostern - Maria Faust

 ...wer hätte das jemals gedacht? Die Mutation einer bekannten Virusart bringt die ganze Welt zum Erliegen; versetzt uns ungebeten in die (unbewusst) lang ersehnte Entschleunigung. Führt das weiter, was Greta Thunberg an Bewusstsein vorbereitet hat: Die Wirtschaft wird herunter gefahren und steht einfach still, Emissions-Shutdown, fast zu 100%. Die Natur atmet auf und dankt es uns gerade mit diesem ausgesprochen bizarr-sonnigen Wetter.

Gleichzeitig werden wir Menschen auf das zurückgeworfen, was wir eben sind: Sterbliche, keine Überwesen. Menschen, denen jetzt auferlegt wird, sich wieder auf ihre Werte und authentischen Emotionen zu besinnen. Und das ohne Ablenkung. Was für eine Herausforderung!

Ur-Menschliches tritt dabei zutage: Durch die gemeinsame Notsituation erfahren wir zum ersten Mal ein spürbares Wir-Gefühl, das über unser bisheriges Sippen-Empathie-Empfinden für ca. 10 Menschen hinausgeht. Global Village wird spürbar, Europa wird sinnlich erfahrbar, Deutschland ist nah.

Wir teilen als Schicksalsgemeinschaft gerade mit ganz vielen Menschen: Unsere Ängste und Sorgen, unsere Trauer, unsere Vorsicht und Einsicht, unsere Solidarität für den anderen, unser Bewusstsein und Verantwortungsgefühl, aber auch unser Unverständnis, unsere Ungeduld und den Zweifel, ob das alles so richtig ist. Und last but not least teilen wir unsere allergrößte Verletzlichkeit miteinander: Unsere Ohnmacht und unsere Todesangst. Das wirkt ungemein verbindend. Der Kitt für unsere Seelen.

 

Was könnte nun unser nächster Schritt in dieser ungewollten Selbst-Entwicklung sein?

Zunächst mal - hier und jetzt - ist es die Hingabe, die wir brauchen. Die Hingabe in genau unsere tiefste Verletzlichkeit: Hingabe in die Ohnmacht, Hingabe in unsere Todesangst.

Das lehrt uns der oder das Virus.

(Der richtige Artikel ist in diesen Zeiten ohnehin irrelevant. Dennoch: Ursprünglich sächlich und aus dem Lateinischen kommend, wird er im Gebrauchszustand klanglich durch seine Endung -us zum männlichen Vertreter seiner Gattung. Beide Artikel gelten. So nehme ich mir heraus, beide Artikel dramaturgisch passend zu nutzen.)

Der Virus zeigt Dir auch, wie ein Verwandter, dass Du, genauso wie er, ein Teil dieser Natur bist, aus der wir alle entsprungen sind. Er kann unser größter Meister werden, wenn wir dies zulassen. Das Virus zeigt uns, was vom Tage übrig bleibt und wertvoll ist, wenn Du Dein Home-Office beendet hast. Es zeigt Dir die Essenz, das was wirklich zählt. Was in Dir wachsen kann und möchte. Eine große Hilfestellung und ein Konzentrationsmoment, dem wir nicht ausweichen können.

Doch bevor wir uns in Meditation mit dem Virus begeben, dürfen wir uns zuerst mal unsere Angst anschauen: Die Angst vor ihm, dem Virus. Ihn zu bekommen und ihm dann nicht widerstehen zu können. Wenn wir erkranken, ob wir überleben werden. Nun die Angst und Frage, ob wir alle Maßnahmen richtig befolgen. Wir spüren die Angst der Politiker, ob sie ihrer Verantwortung gerecht werden usw.

Die Angst ist immer ein schlechter Berater, so auch jetzt. Sie lähmt uns und bringt uns in Schockstarre. Unsere Gedanken wandern in die Zukunft und in die Vergangenheit ab, da wo wir gerade nicht sind. So viel Vermeidungsenergie und Kontrolle sind ebenso Formen der Angst. Angst belastet unser wertvolles Immunsystem. Angst verhindert den freien Atemfluss. Da wo der Atem stockt, vergrößert sich die Angst.

Wir dürfen dieser Abwärtsspirale etwas entgegen setzen. Zum Beispiel einen großen Atemzug nehmen. Klingt profan, ist jedoch wirkungsvoll.

Da wo Entspannung ist, kann keine Angst entstehen.

Ich bin überzeugt (kann es jedoch nicht nachweisen), dass bereits durch die bloße entspannte Nasenatmung mit geschlossenem Mund die Gefahr vor Tröpfcheninfektion heruntergeschraubt wird. Dass ein angstfreies gesundes Immunsystem immer noch hilfreich ist, entweder gar nicht zu erkranken – in ein gesundes Immunsystem gerät so schnell noch kein Virus – oder, wenn doch erkrankt, die Krankheit entspannt und mutig durch sich durchgespült wird, und zwar in vertrauensvoller Hingabe.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden, Quarantäne, mögliche Maskenpflicht (obwohl sich darunter nicht gut atmen lässt), Corona-App, all das sind probate Mittel, die wir in unserem demokratischen System aus diesem Wahrscheinlichkeits-Rechendenken als Vorsorgemaßnahmen für unser Gesundheitssystem postulieren müssen. Ich habe dem nichts entgegen zu setzen.

Nur die inneren Haltung bei all dem, darf eine angstfreie sein. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Ob das alles Sinn gemacht hat, all diese Maßnahmen, das wissen wir erst hinterher. Doch soviel kann ich sagen:

Nutzen wir die Zeit ganz besonders um die Ostertage, um uns selbst was ins Nest zu legen: Was hast Du in dieser Quarantäne-Zeit für Dich gelernt? Was willst Du, für einen bewussten Übergang in den irgendwann mal sich öffnenden Alltag, mit rüber retten? Das Tempo? Den Rhythmus? Die Nähe? Die Gemeinschaft und sei es die virtuelle Gemeinschaft?

Lass uns auf das schauen, was wachsen möchte. Und zwar in uns. Gemächlich, in Einklang mit allen Lebewesen und der Natur.

 

 

Frohe Ostern in Zeiten von Corona.